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Ethik und Nachhaltigkeit schlagen Gewinn

Breinlinger Ingenieure und Mutpol blicken in ihren Bilanzen auf das Gemeinwohl

Von Ingeborg Wagner

 

                

Bild links: Das Tuttlinger Unternehmen Breinlinger Ingenieure macht nach eigenen Aussagen bereits viel für eine gute Bilanzierung. (Foto: Lisa Klebaum)
Bild rechts: Als Jugendhilfeeinrichtung hat Mutpol schon immer einen Spagat zwischen ideellen Zielen und dem wirtschaftlichen Handeln machen müssen. (Foto: Dorothea Hecht)


TUTTLINGEN – Was macht den Erfolg eines Unternehmens aus? Das, was an Zahlen in den Bilanzen steht? Wie bekannt es ist? Oder gibt es noch andere Kriterien? Das Tuttlinger Unternehmen Breinlinger Ingenieure und die Jugendhilfeeinrichtung Mutpol wagen einen anderen Blickwinkel und erstellen eine Gemeinwohl-Bilanz.

Bis zu 1.000 Punkte können die beiden Unternehmen erreichen, doch es besteht auch die Möglichkeit, dass sie Minus-Wertungen einfangen. Denn Null entspricht gerade mal dem gesetzlichen Standard. Und wonach wird genau geschaut? Zum Beispiel faire und ökologisch nachhaltige Lieferketten, Menschenwürde am Arbeitsplatz, eine ethische Grundhaltung im Umgang mit Geldmitteln und der Beitrag zum Gemeinwesen. Der Zeitraum, auf den sich die Bestandsaufnahme bezieht, ist das Jahr 2019. Corona hat auch in diesem Bereich vieles verzögert. So warten Breinlinger und Mutpol derzeit noch auf das Ergebnis, um dann festzulegen, wo sie bis Ende 2021 hinwollen und was verbessert werden soll. Dafür sind beide bereit, einiges an Zeit zu investieren.

„Für die Erstellung der Bilanz sind viel Willensstärke und Ausdauer nötig“, finden Benjamin Baumgarten und Marius Schöndienst, die bei Breinlinger Ingenieure für die Gemeinwohl-Bilanzierung zuständig sind. Schöndienst hatte Kontakt zu Jens Metzger von der GWÖ-Regionalstelle und im Unternehmen angeregt: „Lasst uns das doch mal angehen.“ Mittlerweile sind alle gespannt auf das Ergebnis, wie Raffael Knopf, Geschäftsführer bei Breinlinger, sagt. Er ist recht zuversichtlich, dass es positiv ausfällt. Denn das Unternehmen mache bereits viel in diese Richtung – ansonsten hätte man eine solche Bilanzierung auch nicht angestrebt.

So wird darauf geachtet, dass nicht unnötig Papier verschwendet wird. Der Fuhrpark soll nach und nach auf E- oder Hybrid-Fahrzeuge umgestellt werden. Ein reines E-Auto ist bestellt, und der dritte Hybrid werde im April geliefert. Es gibt flache Hierarchien, die Mitarbeiter seien gut in Entscheidungsprozesse eingebunden und es gibt gemeinsame Unternehmungen außerhalb der Arbeitszeit. Es gibt Obstkörbe und Mineralwasser für die Angestellten, und auch das Verhältnis Männer und Frauen ist mehr und mehr ausgeglichen. Das ist auch dadurch möglich, dass immer mehr Studierende im Technischen Bereich weiblich sind. „In meinem Jahrgang waren es tatsächlich nur zwei Frauen“, sagt Geschäftsführer Bernd Schwär. Regionalität ist ein wichtiger Faktor, die Handwerker werden vor Ort geholt „und nicht aus Polen“, erklärt Knopf. Ebenso wird darauf geachtet, wo die Energie für die Rechner herkommt.

Um den Istzustand zu ermitteln und darzulegen, gab es Mitarbeiterumfragen. Zu bestimmten Fragestellungen wurden Arbeitsgruppen gebildet, und es gab eine sogenannte Peer-Group, der neben Mutpol und Breinlinger auch das Berneuchener Haus des Klosters Kirchberg angehört. Zusammen mit einem Berater der GWÖ gingen sie die verschiedenen Aspekte der Gemeinwohl-Matrix durch.

Ein Aha-Erlebnis für Marius Schöndienst war, dass der Bilanzierungsprozess Themen beleuchtet, die einem jeden Tag begegnen würden, ohne sie zu hinterfragen. Ihm ist auch aufgefallen, dass vieles, was gefordert wird, bereits da sei. Das bestätigt Raffael Knopf: „Unser Ziel ist es, es unseren Mitarbeitern so angenehm wie möglich zu machen.“ Das zeige auch die Zugehörigkeit zum Unternehmen, die im Schnitt bei mehr als elf Jahren liegt.

Jens Metzger, Koordinator der GWÖ-Regionalgruppe Schwarzwald-Baar-Heuberg, freut sich, dass sich die Unternehmen bereiterklärt haben, sich dem Prozess zu stellen. „Was diese zwei Unternehmen geleistet haben, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern Pionierarbeit in schwierigen Zeiten“, so Metzger.

Roland Klamert, kaufmännischer Vorstand von Mutpol, sieht die Umsetzung des Handelns in eine Gemeinwohl-Bilanz ein bisschen an wie neuer Wein in alten Schläuchen: „Als Jugendhilfeeinrichtung musste Mutpol schon immer einen Spagat zwischen den ideellen Zielen und dem wirtschaftlichen Handeln der Einrichtung machen.“ Dieser neue Wein habe es aber in sich – die Gemeinwohl-Bilanz leite einen unwillkürlich in Bereiche und Fragestellungen, die in der Theorie zwar klar sind und in Diskussionen leicht von der Zunge gehen, die in der konkreten Umsetzung und Messbarkeit aber einiges abverlangen würden.



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